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Gewaltloser Widerstand als Teil der Erziehungsgestaltung einesTeams in einer Wohngruppe – vier Beispiele

Bijgewerkt op: 9 mei

Ralf Grigat, Greven (D); Jan Hesselink, Ootmarsum (NL); Piet Overduin, Voorhout (NL)


Erzieher:innen und sozialpädagogische Fachkräfte empfinden ihre zu Betreuenden in einigen Situationen als machtvoll, wenn diese sich angriffslustig, wütend, zornig oder streitbar zeigen und in Wohngruppen festgelegte Regeln immer wieder in Frage stellen. Oft fehlt den Fachkräften dann eine Handlungsorientierung und sie fühlen sich machtlos. Der gewaltlose Widerstand gibt hier wesentliche Antworten. Durch konkrete Methoden des gewaltlosen Widerstandes wird die Entschlossenheit der Erwachsenen sichtbar gemacht, nämlich dass ein solches Verhalten nicht akzeptabel ist und man alles dafür tun wird, es zu verändern. Die zentrale Botschaft lautet dabei: »Wir haben Interesse an dir und an einer guten Beziehung.« Hierauf baut jegliche Intervention der Neuen Autorität auf.


Durch eine Anleitung von Prinzipien und konkreten Schritten – dem sogenannten gewaltlosen Widerstand – soll es Fachkräften wieder gelingen, Präsenz zu erlangen. Die Prinzipien des gewaltlosen Widerstandes sind:

  • »Hartnäckigkeit und Standhaftigkeit auch gegenüber nachdrücklich oder erpresserisch gestellten Forderungen des Kindes.

  • Die Bereitschaft, alles zu tun, um schädlichen Handlungen des Kindes vorzubeugen.

  • Die Bereitschaft, auf körperliche oder verbale Gewalt absolut zu verzichten, das heißt weder zu schlagen noch zu drohen, zu beschimpfen, beleidigen oder zu beschuldigen.

  • Die Bereitschaft und Entschiedenheit, eine Lösung zu finden, in der das Kind sich weder gedemütigt noch besiegt fühlt.

  • Die Bereitschaft, bei körperlichen Auseinandersetzungen sich nur zu verteidigen, das heißt Schläge abzuwehren und nicht zurückzuschlagen (Omer/von Schlippe 2010, S. 231).«


Wie sehen die konkreten Methoden aus? Im Folgenden werden diese vorgestellt und mit einigen Beispielen aus dem Wohngruppenleben unterlegt:


Die Ankündigung:

Eine solche Intervention gehört an den Beginn des gewaltlosen Widerstandes. Die eskalierenden Beziehungen in einer Wohngruppe sollen unterbrochen und ein Neuanfang gemacht werden. Die Botschaft lautet, dass das herausfordernde Verhalten des Wohngruppenmitglieds nicht mehr akzeptiert wird. Dies wird angekündigt (entweder persönlich oder auch in Form eines Briefes). Es wird dem Kind oder Jugendlichen ein Hinweis gegeben, dass sich etwas verändern wird. Diese Veränderung bezieht sich nicht auf den Minderjährigen, sondern auf das Verhalten der pädagogischen Fachkräfte. Sie bereitet so auf die kommende erhöhte Präsenz vor. Die Wichtigkeit einer guten Arbeitsbeziehung wird dabei betont (vgl. Haase/Ollefs, S. 267 ff.). Die im Folgenden dargestellten Interventionen können dann angewandt werden.


Das Sit-in:

Eine Art Sitzstreik im Zimmer des Minderjährigen, um massiv Präsenz zu zeigen. Es gehört zu den Hauptmethoden des gewaltlosen Widerstandes. Dabei setzen sich die Fachkräfte einige Zeit nach der Auseinandersetzung in das Zimmer des Kindes oder Jugendlichen und bekunden ihre Absicht, gekommen zu sein, um eine Lösung für das Problem zu finden. Sie vermitteln, dass sie so lange sitzen bleiben, bis das Gegenüber einen Vorschlag gemacht hat, wie es das Verhalten ändern will. Dabei lassen sie sich auf keine Diskussion ein. Wenn das Kind oder der Jugendliche einen positiven Vorschlag gemacht hat, verlassen die Fachkräfte das Zimmer. Wenn kein Vorschlag kommt, bleiben sie so lange wie verabredet (dies kann eine halbe Stunde bis zu zwei Stunden dauern). Kommt es weiter zu keinem Vorschlag, kündigen sie an, das Sit-in am nächsten Tag zu wiederholen. Dies geschieht auch, wenn nichts durch den Minderjährigen umgesetzt wurde (vgl. Omer/von Schlippe 2017, S. 57 ff.).


Die Telefonrunde / das Rundtelefonieren:

Eine Methode, um Gruppendruck zu erzeugen als Reaktion für den Fall, dass der oder die Minderjährige beispielsweise zu spät oder gar nicht kommt. Hierbei geht es darum, Widerstand gegenüber dem Verschwinden des Kindes oder Jugendlichen zu zeigen. Es bezweckt das Auffinden des Kindes und zeigt erzieherische Präsenz. Dabei soll der oder die Minderjährige durch das Mobilisieren von Gruppendruck zur Rückkehr bewegt werden. Zunächst werden alle Telefonnummern von Freunden und Bekannten des Kindes gesammelt, von Eltern der Freunde des Kindes oder von Freizeiteinrichtungen sowie allen Orte, die das Kind besuchen könnte. Bleibt der oder die Minderjährige fern, sollen alle Personen und Orte auf der Liste angerufen werden. Wenn Fachkräfte den Aufenthaltsort kennen, können sie ihn aufsuchen oder die Eltern bitten, das Kind nach Hause zu schicken (vgl. Omer/von Schlippe 2010, S. 243 ff.).


Das Mobilisieren von Unterstützung und Öffentlichkeit:

Das Einbeziehen von weiteren Personen zur Unterstützung und Stärkung der Fachkräfte. Kommt es zu extremen Verhaltensweisen wie Gewalt, so ist es wichtig, Menschen einzubeziehen, denn Gewalt wird begünstigt, wenn sie im Geheimen stattfinden kann. Das Kind soll wissen, dass andere Menschen informiert sind. Dabei werden die Unterstützer gebeten, Kontakt mit dem Kind aufzunehmen. Sie sollen dabei vermitteln, dass Gewalt nicht zu akzeptieren ist. Dabei können sie von »häuslicher Gewalt« sprechen oder von einem »Straftatbestand«. Die Botschaften lauten: »Wir sind entschlossen, dass wir vorhaben, die Fachkräfte und die Gruppe zu unterstützen, dass die Gewalt endet« (vgl. Omer/von Schlippe 2010, S. 242 ff.).


Nachgehen und Aufsuchen:

Eine Art von »offenem Beschatten«, um wieder in Kontakt mit dem Kind oder Minderjährigen zu kommen. Wenn Kinder oder Jugendliche versuchen, sich der Wohngruppenaufsicht zu entziehen, wegzulaufen oder illegale Handlungen zu begehen, kann das Nachgehen und Aufsuchen ein probates Mittel sein. Ziel ist es, den Kontakt und die Aufsicht nicht abreißen zu lassen. Dabei wird das Kind aufgefordert, in die Wohngruppe zu kommen. Es soll aber nicht bestraft werden. Die Fachkräfte können Kontakt mit den Freunden aufnehmen. Gegebenenfalls kann auch eine weitere Person mitgenommen werden, die in der Situation vermittelt (vgl. Omer/von Schlippe 2010, S. 246 ff.).


Die verzögerte Reaktion:

Diese Methode bezieht sich auf die Verzögerung der eigenen Reaktion auf das Verhalten eines anderen, insbesondere eines Kindes oder Jugendlichen. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen, um über eine angemessene Reaktion nachzudenken und nicht impulsiv zu handeln. Die verzögerte Reaktion kann auch dazu beitragen, Eskalationen zu vermeiden und die Beziehung zwischen den Beteiligten zu stärken (vgl. Omer/Streit 2019, S. 62 ff.).


Versöhnungsgesten:

Abschließend sei der unverzichtbare Bestandteil der Gesten der Versöhnung genannt, die jede Aktion des gewaltlosen Widerstandes begleiten sollte. Versöhnungsgesten sollen den Kontakt zum Minderjährigen halten oder verbessern. Hierzu zählen Äußerungen der Wertschätzung und des Respekts für das Gegenüber, die Lieblingsspeise des Kindes oder Jugendlichen zuzubereiten oder gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen. Diese Gesten sind Ausdruck eines guten Willens und keine Kapitulation. Ob und wann das Kind die Gesten annimmt, entscheidet es selbst. Letztlich sind Versöhnung, Dialog und eine gemeinsame Gestaltung von Lösungen der Königsweg (vgl. Omer/von Schlippe 2010, S. 256 ff.).


1. Vier Beispiele aus einer Wohngruppe

Die Sozialpädagogin Sandra teilte dem Wohngruppenmitglied Mira (zwölf Jahre alt) nach der letzten Sitzung bei ihrem Teamberater Folgendes persönlich mit:


»Liebe Mira, zuletzt hat es deinerseits zu viele Aggressionen mir gegenüber gegeben. Ich habe mich beraten lassen. So kann es nicht weitergehen. Ich werde dies Verhalten nicht mehr akzeptieren und daran arbeiten, dass wir wieder besser und friedlicher miteinander auskommen. Dabei werde ich viel präsenter sein. Mir ist eine gute Arbeitsbeziehung zu dir wichtig.«


Emma, 15 Jahre alt, hatte in der Wohngruppe andere Mädchen immer wieder schwer beleidigt. In der Teamsitzung überlegten die Erzieher:innen, auf ein Sit-in zurückzugreifen.


Sie gingen in das Zimmer von Emma, setzten sich und eine von ihnen sagte mit klarer und ruhiger Stimme zu ihr: "Emma, wir sind da, um gegen dein beleidigendes Verhalten gegenüber den anderen Mädchen in der Gruppe zu protestieren. Wir wollen von dir Vorschläge hören, wie du es ändern kannst." Zunächst versuchte Emma den Widerstand der Fachkräfte zu brechen: "Ist ja klar, habt ihr nichts Besseres zu tun?" Auch einzelne Erzieher:innen sprach sie an, um sie zu verunsichern: "Sarah, du bist doch meine Erzieherin, ich dachte, ich könnte auf dich zählen. Von dir hätte ich das nicht erwartet." Die Erzieher:innen schwiegen weiter. Nach rund 20 Minuten schwieg auch Emma, um dann zu sagen: "Ich möchte beim Mittagstisch nicht mehr neben Anna sitzen, ich kann dann nicht anders, als sie zu beleidigen, ich mag sie nicht." Auch andere Vorschläge von Emma folgten. Nach 30 Minuten beendeten die Erzieher:innen das Sit-in mit den Worten: "Danke für deine Vorschläge, Emma. Wir werden über deine Vorschläge beraten. Du wirst von uns hören." Dann verließen sie das Zimmer.


Der 13-jährige Jan war morgens zusammen mit einem weiteren Jugendlichen nicht in der Schule angekommen.


Während der Bezugserzieher den Jungen über sein Handy kontaktierte und ihn zum Schulbesuch aufforderte, nahm die Sozialpädagogin Kontakt mit der Mutter auf. Die Kindesmutter war durch entsprechende Beratungen mit den Methoden des gewaltlosen Widerstands vertraut. Sie rief ebenfalls auf dem Handy ihres Sohnes an. "Mist", dachte Jan, "jetzt wissen alle Bescheid." Dem Jungen gelang es, an diesem Tag doch noch zur Schule zu gehen.


Im Nachtdienst eines Erziehers schlossen sich die 14-Jährigen Ben, Paul und Jonas zusammen und tobten in der Wohngruppe. Der Erzieher Ralph nahm die Provokationen mit dem Ziel eines Machtkampfs wahr.


Er teilte darauf den Jugendlichen in der Situation nur mit, dass er in die Küche gehen werde und über eine passende Reaktion nachdenken würde. Die Jugendlichen führten ihr herausforderndes Verhalten noch kurz fort und beendeten die Situation dann. Sie waren zutiefst überrascht vom Verhalten ihres Erziehers. Nachdem die Jugendlichen sich wieder beruhigt hatten, lud er sie zu einem gemeinsamen Tee in der Küche ein. Er stellte ihnen dann seine Erwartungen vor, nämlich dass sie sich bei ihm und den anderen Gruppenmitgliedern entschuldigen sollten, dass sie sich am nächsten Tag überlegen sollten, wie sie es wiedergutmachen könnten, und dass sie versprechen sollten, ein solches Verhalten nicht noch einmal zu zeigen. Dies wollte er mit ihnen in einem Vertrag festhalten. Am nächsten Tag brachten die Jungen in der Gruppe ihre Irritationen darüber, dass kein Machtkampf stattgefunden hatte, zum Ausdruck und folgten den verzögert ausgesprochenen Erwartungen ihres Erziehers.


Literatur

Haase, D. / Olafs, B. (2014): Die »Ankündigung« als Ritual für einen Neuanfang, wenn Konflikte die Familie dominieren. In: systhema 3/2014, 28. Jahrgang, S. 267-27


Omer, H. / von Schlippe, A. (2010): Autorität durch Beziehung. Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung. 5. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht


Omer, H. / von Schlippe, A. (2017): Autorität ohne Gewalt. Coaching für Eltern von Kindern mit Verhaltensproblemen. ››Elterliche Präsenz‹‹ als systemisches Konzept. 11. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht


Omer, H. / Streit, P. (2019): Neue Autorität: Das Geheimnis starker Eltern. 2. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht


Ralf Grigat

Diplom-Pädagoge,

Systemischer Familienberater,

Ich-schaff’s-Coach,

Kinderschutzfachkraft

Friedrich-Ebert-Str. 35

48268 Greven


Mr. Drs. Jan Hesselink

Almelosestraat 67

7631 CD Ootmarsum (NL)


Piet Overduin

Schoonoord 7

2215 EA Voorhout (NL)

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