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(DE/NL) Der pädagogische Umgang zu Scham und Schuld mit Eltern beim Thema Kindeswohlgefährdung

  • Foto van schrijver: Piet Overduin
    Piet Overduin
  • 9 dec 2025
  • 20 minuten om te lezen

Bijgewerkt op: 23 dec 2025

Grigat, R., Hesselink, J.& Overduin, P. (2025)


Lees hier het Nederlandse artikel:


»Das treibt dir die Röte ins Gesicht, und du würdest gern im Erdboden versinken.« Diesen Satz und solche Situationen kennen wir wohl alle. Konstellationen können so beschämend sein, dass wir erröten. Gegenüber mächtigeren Menschen teilen wir mit, dass wir uns unwohl fühlen. Sich zu schämen passiert, wenn unser intimer Raum übertreten wird und wir abgewertet werden. Zumeist reagieren wir anschließend mit innerlichem Rückzug, um uns vor weiterer Verletzung zu schützen. Ein geringes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind oftmals die Folge.

1. Einleitung

Im Bereich der pädagogischen Praxis haben Kinderschutzverfahren einen erheblichen Eingriff in die Biografien von Kindern und Eltern. Sie sind zunächst Aufgabe der Jugendämter und ihrer Mitarbeiter:innen. Später können auch die Familiengerichte hinzugezogen werden. Sie stellen somit einen mächtigen administrativen Eingriff in Familien dar. »Sie sind verbunden mit Unklarheiten, Abhängigkeiten, Verletzungen, Stigmatisierungen, Konflikten und Krisen, bisweilen massiven Veränderungen im Leben, Schuld und Scham sowie mitunter Traumatisierungen« (Haase 2021, S. 663). 


Eine Literaturrecherche zeigt schnell, dass noch wenig über das Erleben und Bewältigen in Verfahren zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung aus Sicht betroffener Eltern bekannt. ist. Dies, obwohl sie entscheidende Akteurinnen und Akteure bei der Abwendung einer möglichen Kindeswohlgefährdung sind. Hierzu gibt es bisher wenige Untersuchungen (Berghaus 2020). 


Das Ziel des Beitrages ist es, den Leser:innen die Bedeutung von Scham zu vermitteln und einen konstruktiven Umgang mit dieser häufig übersehenen oder tabuisierten Emotion in der individuellen Alltagspraxis darzustellen. Der Rahmen hierfür ist der professionelle pädagogische Umgang mit elterlicher Scham bei möglichen Kindeswohlgefährdungen. Dabei wird ein besonderer Wert auf die Praxisrelevanz gelegt. Ein konkretes Fallbeispiel dazu rundet den Artikel ab.


2. Scham und Schuld – Begriffsklärung und Unterschiede

Nach Ansicht des Psychologen Caroll E. Izard (1981) gehört Scham zu den Grundgefühlen, die auf der ganzen Welt und in jeder Kultur vorkommen. Die weiteren Gefühle sind: Interesse, Leid, Widerwillen (Aversion), Freude, Zorn, Überraschung, Furcht, Verachtung und Schuldgefühl.


Das Dorsch Lexikon der Psychologie (2025) definiert Scham wie folgt:

»Scham  [engl. shame], [EM], ist eine neg. Emotion, die entsteht, wenn man das Gefühl hat, best. Werten, Normen, Regeln oder Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein. Sie geht mit physiol. Reaktionen wie Erröten und mit charakteristischen Verhaltensweisen einher, die dem Wunsch entspringen könnten, sich unsichtbar zu machen. Wenn man sich schämt, schlägt man die Augen nieder, senkt den Kopf oder bedeckt das Gesicht mit den Händen. Man möchte sprichwörtlich im Boden versinken [...]«.

Erst ab etwa der Mitte des zweiten Lebensjahres kann Scham entstehen. Ab diesem Zeitpunkt entwickeln Kinder ein Konzept von sich selbst und werden sich ihres Selbst Bewusst.


Eng verbunden mit dem Begriff »Scham« ist der Begriff »Schuld«. Eine Definition von Schuld in der Psychologie zu finden, ist nicht einfach. Das Thema Schuld ist nur selten ein Thema in der Psychologie. Es geht dort eher um die Beobachtung und Wahrnehmung menschlichen Verhaltens sowie um Emotionen und Motivationen von Individuen  und Gruppen. Das Schuldthema wird deshalb häufig in die Zuständigkeit von Philosophie, Justiz, Religion und Ethik verwiesen, weniger in die Psychologie.


Dies ist erstaunlich, da Scham und Schuld als Gefühle viel gemeinsam haben: Sie gehören zu den sozialen und moralischen Emotionen. Der Hintergrund von Scham und Schuld ist oft eine Abweichung von internalisierten und der jeweiligen Kultur entsprechenden Normen. Meist handelt es sich um eine Reaktion auf ein mögliches Fehlverhalten. 


Untersuchungen (Slepian/Kirby/Kalokerinos 2019) zeigen, dass, wer sich schämt, sich oft auch wertlos oder machtlos fühlt, während Schuldgefühle eher zu Reue- oder Druckempfinden führen.


Oft sind Scham und Schuld verbunden mit anderen Grundemotionen wie Wut, Angst und Traurigkeit. Beispielsweise kann Scham zu einer Wut auf andere führen, wenn man sich bloßgestellt fühlt. Schuld und Schuldgefühle können zu Wut gegen sich selbst führen, wenn man das Gefühl hat, gegen eigene Normen und moralische Standards verstoßen zu haben.


Scham und Schuld können aber auch wichtige soziale Funktionen einnehmen. Sie signalisieren uns nicht nur, wenn wir gegen Normen und Werte verstoßen haben, sondern motivieren uns im Idealfall auch zu sozial angepasstem Verhalten. Nehmen wir Scham bewusst wahr, kann sie sich auch als »Wächterin der menschlichen Würde« (Wurmser 1997) entfalten. Dies, weil sie anzeigt, wann Grenzen verletzt werden.


Doch es gibt auch Unterschiede: Scham bezieht sich auf das Gefühl, wenn man verlegen ist oder sich gedemütigt fühlt. Es geht um das Gefühl von Versagen. Das gesamte Selbst fühlt sich dabei negativ an. 


Schuld hingegen ist mehr eine gedankliche Bewertung des Verhaltens und des Verstoßes gegen Normen. Man hat etwas moralisch Falsches getan. Also geht es insgesamt auch um Recht und Unrecht. Dies kann dann auch zu Gefühlen führen, den bereits erwähnten Schuldgefühlen. Diese entstehen oft, wenn sich Gedanken zum falschen Handeln manifestiert haben und Gefühle von Reue oder von persönlicher Verantwortung für eine bestimmte Handlung auftauchen. Sie betreffen aber nie das gesamte Selbst. 


Einen wichtigen Unterschied zwischen Person und Verhalten verwenden wir deutlich auch bei unseren Formulierungen. Bei der Formulierung »Ich schäme mich«, wenn es eigentlich um Schuld geht, oder »Ich fühle mich schuldig, wieso habe ich das bloß getan?«, wenn es um Scham geht. Scham und Schuld sind somit auch nicht immer einfach auseinanderzuhalten. So viel zunächst zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden. 


Für die pädagogische Arbeit bedeutet dies, dass Scham und Schuld oft schmerzhafte, oft übersehene Emotionen sind, die in jeder Arbeit mit unseren Adressaten und Adressatinnen akut werden können. Zum Beispiel in der Schule oder der Jugendhilfe, wenn sich Kinder und Jugendliche, Eltern und Fachkräfte für ihre Person, Herkunft, ihr Verhalten oder für konkrete Fehler schämen und sich schuldig fühlen. Daher ist es für alle, die professionell mit Menschen arbeiten, wichtig, Scham und Schuldgefühle zu erkennen, um konstruktiv mit ihnen umgehen zu können.


3. Dysfunktionale und funktionale Verhaltensmuster von Scham und Schuld

Wann werden Gefühle von Scham und Schuld problematisch? Alexander Nusselt (2024) hat sich mit diesem Thema auseinander gesetzt. Er weist daraufhin, dass Scham und Schuld starke Emotionen sind »die, wenn sie nicht konstruktiv angegangen werden, zu negativen oder dysfunktionalen Umgangsweisen führen können.  Solche Bewältigungsstrategien können das persönliche Wohlbefinden beeinträchtigen und zwischenmenschliche Beziehungen schädigen.«


Er benennt verschiedene dysfunktionale, problematische Umgangsweisen bei Scham und Schuld.


Problematische Umgangsweisen bei Scham:

  • Isolation

  • aggressives Verhalten

  • Substanzmissbrauch

  • Perfektionismus

  • Selbstsabotage


Problematische Umgangsweisen bei Schuld:

  • Verleugnung

  • Überkompensation

  • Selbstbestrafung

  • Aggression und Projektion

  • Rückzug


Er führt dann weiter aus: »Diese dysfunktionalen Umgangsweisen können zu einer Spirale negativer Emotionen und Verhaltensmuster führen, die das persönliche und soziale Leben beeinträchtigen. Es ist wichtig, Bewusstsein für diese Muster zu entwickeln und aktiv nach gesünderen Strategien zu suchen, um mit Schuld und Scham umzugehen.«


Demgegenüber stellt Nusselt zweckmäßige Verhaltensweisen für einen Umgang mit Scham und Schuld dar.


Zweckmäßige Verhaltensweisen bei Scham:

  • Selbstmitgefühl:

    sich selbst Freundlichkeit und Verständnis entgegenbringen, anstatt in Selbstkritik zu verfallen

  • Teilen und Offenheit:  

    eigene Gefühle mit vertrauenswürdigen Personen teilen, um Unterstützung zu gewinnen und Perspektiven zu entwickeln

  • Identitätsarbeit:

    bauen Sie ein starkes Selbstbild und Selbstwertgefühl auf, das nicht ausschließlich auf der Bewertung durch andere basiert

  • Selbstakzeptanz:

    Selbstakzeptanz fördert die innere Stärke, mit Scham umzugehen, ohne sich von ihr definieren zu lassen

  • eigene Narrative:

    Betrachten Sie sich selbst als lernfähig und wachstumsfähig, anstatt sich auf vermeintliche Unzulänglichkeiten zu fixieren.

  • Resilienz und Empowerment im Fokus:  

    Achtsamkeit, Meditation oder Yoga können helfen, um Distanz zu unmittelbaren emotionalen Reaktionen zu gewinnen und eine tiefere innere Ruhe zu entwickeln


Zweckmäßige Verhaltensweisen bei Schuld:

  • Wiedergutmachung:

    aktive Schritte unternehmen, um den verursachten Schaden zu reparieren

  • Selbstvergebung:  

    sich selbst Mitgefühl und Verständnis entgegenbringen und Fehler verzeihen

  • Reflexion und Akzeptanz:  

    Ursachen von Schuldgefühlen erkennen und menschliche Unvollkommenheit akzeptieren

  • Kommunikation und Aussprache:  

    Sprechen Sie mit den Personen, denen gegenüber Sie sich schuldig fühlen, teilen Sie Ihre Gefühle und Gedanken mit

  • Selbstfürsorge:

    Zeit für Erholung nehmen, um das eigene Wohlbefinden und Resilienz gegenüber Schuldgefühlen zu fördern

  • Grenzen setzen:

    lernen Sie, Grenzen zu setzen und sich selbst nicht für alles verantwortlich zu machen


4. Scham als Kraftquelle für Entwicklung

Wir möchten Scham nicht als etwas ausschließlich Negatives darstellen. Ganz im Gegenteil. Wir glauben, dass Scham eine Quelle der Stärke sein kann. Ein Motor für positive Veränderungen bei jungen Menschen, Eltern und Jugendhilfeorganisationen.  Vorausgesetzt, wir gehen richtig damit um.


Der unerwartete und erzwungene Kontakt mit der Jugendhilfe löst in vielen Fällen logischerweise bei Eltern und Kindern viele Emotionen wie Wut, Enttäuschung oder das Gefühl von Ungerechtigkeit aus. Dahinter liegen oft auch Scham- und Schuldgefühle. 


Scham kann einen klein machen. Sie ist versteckt, verborgen. Doch das ist unserer Meinung nach eine verpasste Chance. Das Eingestehen von Scham kann ein wichtiger Schritt zur Heilung und zum Wachstum sein.


Viele Eltern sind trotz ihrer Probleme belastbar und entwickeln sich weiter, auch wenn unsere Erwartungen oft anders sind. Entscheidend für eine wirksame Entwicklung ist die Bereitschaft zur Reflexion, die Voraussetzung ist ein offenes Gespräch. Doch gerade, wenn es um so wichtige Themen wie die Erziehung ihres Kindes oder ihrer Kinder geht, finden offene Gespräche häufig nicht statt. Wir glauben, dass Scham hier eine Rolle spielt: die Scham, als Eltern versagt zu haben. Dann ist es die Scham, die zu einer Abwehrhaltung führt, die den Eltern indirekt ihre Ehrlichkeit raubt.


Die Jugendhilfe ist durch viele belastende Momente gekennzeichnet, die mit den ungleichen Interessen der Eltern und der Betreuungsperson zusammenhängen. Die Eltern fordern Autonomie bei der Kindererziehung, und die Jugendhilfe fordert Schutz und ungehinderte Entwicklung des Kindes. Gerade im Umgang mit dieser Ungleichheit liegt die fachliche Kompetenz der sozial Tätigen. Sie erkennen Scham- und Schuldgefühle bei Eltern und wissen, wann sie ausführlich darüber sprechen müssen, sodass die Bereitschaft besteht, offen und verletzlich zu sein. Sich offen zu äußern, kann immens befreiend und inspirierend sein. Es bildet auch die Grundlage für eine tiefere, emotionale Verbindung zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften.


Die große Bedeutung des Sprechens über Schuld und Scham gilt auch für Einrichtungen der Jugendhilfe, in denen die Arbeit mit vielen Unsicherheiten und Misserfolgen verbunden ist, etwa bei Konflikten, Fehleinschätzungen oder Fehlentscheidungen. Diese lösen auch bei Mitarbeiter:innen, Führungskräften und der Klientel viele Emotionen aus. Dann ergibt sich eine parallele Dynamik zwischen Fachkraft und Eltern. Da Mitarbeiter:innen dem Arbeitgeber Rechenschaft ablegen müssen, können Scham- und Schuldgefühle sie daran hindern, offen zu sein. Auch Machtverhältnisse unter Führungskräften und Abhängigkeitsgefühle spielen eine Rolle. Besonders in hierarchischen Organisationen entwickelt sich leicht eine Kultur der Scham. Wie kommen wir dann zu einem offenen Gespräch?


Die Lösung besteht darin, Jugendhilfeeinrichtungen aufzubauen, in denen die Mitarbeiter:innen den Mut haben, ihre Meinung zu äußern und über ihre eigenen sowie die Fehler, Grenzen und Schamgefühle anderer offen sprechen zu können. Was helfen kann, ist ein respektvoller Dialog, in dem sie sich untereinander über sicheres und belastbares Arbeiten austauschen und sich gegenseitig ansprechen, wenn sie Unsicherheiten feststellen. Eine aktive Vertrauensperson kann dabei helfen. Diese Person schult das Kollegium im Dialog und bringt die Mitarbeiter:innen stetig miteinander ins Gespräch. Dadurch entsteht zunehmend eine Kultur der Offenheit.


Der Wandel beginnt an der Spitze, beim Vorstand. Er kann im Idealfall auch offen über seine Scham über einige schwerwiegende Fehler sprechen. Auf diese Weise markiert er im besten Fall den Beginn eines kraftvollen Kulturwandels: Der Vorstand läuft ohne große Scham vor nichts davon. Er ist nicht beschämend. Es mangelt ihm weder an Scham, noch handelt er schamlos. Scham ist sowohl bei ihm als auch in seinem Kolle-gium zulässig.


Und damit kommen wir zum Kern unseres Arguments über Scham: Wenn Sie Scham empfinden, denken Sie schlecht über sich selbst. Aber die Tatsache, dass Sie sich schämen, beweist, dass Sie besser werden möchten. Hinter der Scham verbirgt sich also ein Wunsch nach Qualität, eine Kraftquelle zur Besserung für Eltern, Fachkräfte und Träger. 


Was ist dabei wichtig?


Wenn Eltern es wagen, ihre Scham mitzuteilen, entsteht im besten Fall eine gleichberechtigte und gegenseitige Verbindung zum Betreuungspersonal. Eine Grundlage, um offene Reflexion und gegenseitige Einflussnahme zu ermöglichen. 


Einrichtungen mit einer schamoffenen Kultur zeichnen sich durch ehrliche Gespräche aus. In einer solchen Kultur traut man sich, seine Fehler ohne Weiteres zuzugeben, um sich dadurch zu einer Verbesserung der Qualität und Entwicklung anzuspornen.


Wie kommt man an den Punkt, an dem offene Gespräche entstehen? Und wie wird dies ein Teil der Unternehmenskultur? Im Wesentlichen umfasst es drei Schritte:

  1. Erkennen Sie die Bedeutung von Scham. Sowohl mit Adressatinnen und Adressaten, Ihrem Kollegium, Ihrer Teamleitung und möglicherweise auch Ihrem Vorstand.

  2. Denken Sie an Ihre Scham. Erforschen Sie, welches Verlangen hinter der Scham steckt.

  3. Machen Sie sie zu einer Stärke. Umdenken ist hier die Devise. Diese Aktion macht Sie kraftvoll.


Wenn Sie diese drei Schritte wagen, machen Sie sich selbst und die Welt um uns herum ein Stück besser und menschlicher. Genau diese Moral verbirgt sich wie ein verborgener Schatz hinter der Scham.


5. Das Selbstbild der Eltern in §-8a-Verfahren – Forschungsstudie

Michaela Berghaus hat in ihrer Studie betroffene Eltern, die das Verfahren nach § 8a SGB VIII (Schutzauftrag) durch das Jugendamt sowie die damit verbundenen familiengerichtlichen Verfahren erlebt hatten, untersucht. Sie hat für dieses Projekt in 18 Fällen mit den betroffenen Eltern ausführliche Gespräche geführt im Sinne qualitativer, sozialpädagogischer Forschung. Im Ergebnis fühlten sich die Eltern in ihrem Selbstbild und in ihrer Identität bedroht. Fallübergreifend konnten folgende Merkmale identifiziert werden:

  • Der von den Eltern registrierte Dissens greift die Person-Umwelt-Passung an und erzeugt ein von ihnen empfundenes psychosoziales Ungleichgewicht

  • Die Väter und Mütter haben vornehmlich den Eindruck, den Verlauf der Interaktion und damit die für sie schädliche Entwicklung nicht beeinflussen und kontrollieren zu können

  • Die Eltern schreiben ihrem eigenen Handeln eine begrenzte Wirkung auf das Gegenüber, vor allem auf das Jugendamt oder die zuständige Fachkraft, und den Ablauf zu

  • In der Interaktion mit dem Jugendamt bzw. der zuständigen Fachkraft erleben die betroffenen Elternteile willkürlich und intransparente Handlungen, die ihre eigene Handlungsfähigkeit beeinträchtigen

  • Für die Eltern ist besonders belastend, dass ihre subjektiven – bislang unhinterfragten – Alltagstheorien, die ihnen bisher eine gewisse Selbst- und Handlungssicherheit vermittelten, von außen erschüttert werden

  • Angesichts dieser Erfahrung entstehen bei den Vätern und Müttern unangenehme Gefühle, z. B. Angst vor negativen Zuschreibungen und Beurteilungen, vor Verlusten und vor Einschränkungen ihrer Elternautonomie. In einigen Fällen verfestigen sich diese Emotionen und wirken über das Verfahren hinaus in ihren Alltag hinein. (vgl. Filipp/Aymanns 2010, S. 13) (Berghaus 2020, S. 396 f.)


Wie wir aus den Erfahrungen unserer Beratungen wissen, spielt in solchen Fällen auch das Gefühl von Scham eine wichtige Rolle. Hiermit professionell umzugehen, ist Aufgabe der in der sozialen Arbeit Tätigen. Dabei kann Scham nicht nur ein Risiko für Entwicklung sein, sondern auch als Kraftquelle dienen, wie das kommende Beispiel zeigt.


6. Elterliche Scham – ein Praxisbeispiel
»Kann es etwas Beschämenderes geben, als dass man beschuldigt wird, dass man sein Kind geschlagen hat oder sogar, wie die Frau aus dem Jugendamt sagte, nicht erziehungsfähig ist?«

(Familienvater in einer Beratung mit der Familienhilfe) 


Die damaligen Eheleute Wöhler lebten mit ihrem Sohn Andreas (10) und ihrer Tochter Dafina (5) lange Zeit gemeinsam in einer Drei-Zimmer-Wohnung eines Mehrfamilienhauses in einer gepflegten Siedlung im Norden von XY (Namen geändert). Frau Wöhler war zum damaligen Zeitpunkt 39 Jahre und Herr Wöhler 43 Jahre alt. Er arbeitete als Landschaftsgärtner in Vollzeit, sie war für den Haushalt und die Kinder verantwortlich. Andreas besuchte eine Förderschule und Dafina eine Grundschule in unmittelbarer Nachbarschaft.


Ab Januar 2022 kam es zu Meldungen aus der Nachbarschaft, die inhaltlich auf Gewalt durch die Eltern gegenüber den Kindern hindeuteten. Das Jugendamt konnte aber bei Hausbesuchen zunächst nichts feststellen. Im Mai 2022 kam es nach einer weiteren Meldung bezüglich häuslicher Gewalt zu einem Polizeieinsatz, bei dem man die Mutter alkoholisiert vorfand. Sie räumte zwischenzeitliche Alkoholprobleme aufgrund von Überforderungen bei den Kindern ein, war aber zu keiner Kooperation mit dem Jugendamt bereit. Es kam darauf zu einer Wohnungsverweisung von Frau Wöhler aus dem gemeinsamen Haushalt. In einer einstweiligen Anordnungssache wurde beschlossen, dass Frau Wöhler aus dem gemeinsamen Haushalt auszieht und Herr Wöhler vorerst mit den Kindern im gemeinsamen Haushalt verbleibt. Angebote einer erzieherischen Hilfe nach § 27 ff. SGB VIII lehnten die Eltern zunächst ab. Es folgte danach ein massiver Trennungskonflikt zwischen den Kindeseltern, den man unter Einbezug der Kinder austrug. Das Jugendamt Münster rief erneut das Gericht an und benannte im gerichtlichen Verfahren kindeswohlgefährdende Aspekte. Im weiteren Verlauf beschuldigten sich die Kindeseltern gegenseitig mit massiven Kindeswohlgefährdungen. 


Die Kindsanhörungen vor Gericht machten die Befangenheit und Loyalitätskonflikte der Kinder deutlich. Beide Elternteile versuchten auf die Kinder einzuwirken, mit dem Ziel des dauerhaften Verbleibs im jeweiligen Haushalt. Eine gemeinsame Klärung konnte im familiengerichtlichen Verfahren nicht erfolgen, sodass die Erziehungsfähigkeit beider Elternteile und die langfristige Perspektive der Kinder begutachtet werden musste. Beide Eltern stimmten – auch wenn wenig begeistert – einer Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) der weiter getrennt lebenden Eltern zu. Es wurden zwei Fachkräfte eingesetzt. Das Verhältnis zum Jugendamt und der zuständigen Sachbearbeiterin verschlechterte sich zusehends. 


Die SPFH verlief ganz unterschiedlich. Frau Wöhler verblieb in ihrem Widerstand gegen das administrative System. Vor allem war sie oft wütend. Ihre Strategien waren Kampf, Widerstand und Rebellion, der Versuch von Selbstbehauptung und die Inanspruchnahme von wechselnden Rechtsanwälten, mit deren Arbeit sie nie zufrieden war, »da sie ihr die Kinder nicht zurückbrachten« (Zitat Kindsmutter). Alle Versuche der Sozialpädago-gin, dies zu ändern, scheiterten.


Herr Wöhler hingegen ließ sich auf die Hilfe ein und fing an, dem Sozialpädagogen immer mehr zu vertrauen und öffnete sich. Er schilderte zunächst seinen verletzten Stolz, was auch ihn wütend machte. Dann fing er an, auch immer mehr über Gefühle von Scham zu reden, was ihn teilweise wieder beschämte. Er erzählte von der Inobhutnahme der Kinder durch das Jugendamt und dem Vorwurf des Jugendamtes, dass auch er möglicherweise seine Kinder geschlagen hätte. Dabei schämte er sich doch schon sehr darüber, dass er die Situation zu Hause – aufgrund seiner vielen Arbeit als selbstständiger Landschaftsgärtner – nicht genügend mitbekommen hatte und seine Kinder nicht beschützte. Gleichzeitig bemerkte Herr Wöhler, dass die Gespräche mit dem Sozialpädagogen auch etwas Befreiendes hatten. Dieser reagierte mit Verständnis und Mitgefühl, was Herrn Wöhler half, sich immer mehr zu öffnen und authentisch zu berichten. Letztlich resultierte daraus in den ersten Wochen eine immer mehr gelingende Zusammenarbeit. 


Im Hilfeplangespräch wurden zunächst das Ziel einer gewaltfreien Erziehung der Kinder durch den Kindsvater und die Klärung der Schulperspektiven und Förderungsmöglichkeiten der Kinder festgelegt.


Innerhalb der nächsten Monate gelang es Herrn Wöhler, die Ziele zu erreichen. Das Gutachten fiel zu seinen Gunsten aus, und er bekam das Sorgerecht für seine Kinder zugesprochen. Doch was führte dazu?


7. Ein pädagogischer Umgang mit Scham im Kinderschutz

Im Abschluss-HPG wurde der Frage »Was ließ die Hilfe bei Herrn Wöhler erfolgreich werden?« nachgegangen. Die folgenden Ausführungen basieren hierauf.


Ein erfolgreicher pädagogischer Umgang mit Scham im Kinderschutz hängt damit zusammen, ob die Adressatinnen und Adressaten der Arbeit mit ins Boot geholt werden können oder – wie bei Frau Wöhler – nicht. In der Praxis können verschiedene Gründe hierfür vorliegen. Erfahrungsgemäß spielt Scham eine große Rolle. Die Gefahr besteht dabei, dass, wenn sich Eltern schämen, sie oft von diesem Gefühl dominiert werden und eine Beratung kaum eine Chance hat. Um als Pädagoge einen konstruktiven pädagogischen Umgang mit Schamgefühlen der Eltern zu finden, ist es wichtig, bereits im Prozess des »Joining« angemessen zu handeln. Gemeint ist ein Vorgehen, das das Ziel verfolgt, ein  kooperatives Arbeitsbündnis  mit der  Familie  beziehungsweise dem Familiensystem einzugehen. Die Fachkraft schließt sich an, indem sie die bestehenden Wertvorstellungen respektiert und sich an den Ressourcen und Stärken der Systemmitglieder orientiert. Dabei hilft es in der Praxis, die Grundannahmen und Haltungen der systemischen Beratung und Therapie, wie beispielsweise Allparteilichkeit und Neutralität, Kundenorientierung, Respekt gegenüber Menschen, Ressourcen- und Lösungsorientierung usw. (vgl. Schlippe/Schweizer 2002, S. 116 ff.) auch im Kinderschutz zu bedenken und zu leben. 


Das Erkennen und Benennen von Scham sowie das Bekennen zur Scham ist nach dem Ankoppeln ein zentraler Faktor im Kinderschutz. 


Um Scham regulieren zu können, muss diese zunächst erkannt werden. Dafür bedarf es aufseiten der Fachkräfte einer erhöhten und sensibilisierten Aufmerksamkeit und Empathie gegenüber den Adressatinnen und Adressaten der Arbeit. Beim Benennen der eigenen Wahrnehmung durch die pädagogische Fachkraft war es wichtig, dass Herr Wöhler die Wahlmöglichkeit bezüglich seiner Reaktion hatte. Da Herrn Wöhler die eigene Wahrnehmung sehr feinfühlig angeboten wurde, konnte er diese auch annehmen und sich dazu bekennen. Dieser Schritt ist wichtig für einen konstruktiven Umgang mit Scham. Dafür benötigt man ein wohlwollenes Gegenüber, welches Mitgefühl und Verständnis zeigt. Dies kann dann – wie in diesem Fall – ein »Schamfresser« sein (vgl. Baer/Frick Baer 2018, S. 128-129).


Wichtig war für Herrn Wöhler auch, dass er nach den Hausbesuchen des Sozialpädagogen die Möglichkeit hatte, seinen Berater auch noch mal anzurufen, da nach den Gesprächen manchmal noch nachträgliche Schamgefühle aufkamen (Nachkontakt-Scham). So hatte er auch noch nach den Beratungen einen Ansprechpartner in der Woche.


Ein weiter Erfolgsfaktor, wie sich im HPG herausstellte, war, dass die Fachkraft auch die Konflikte der Grundbedürfnisse bei Herrn Wöhler erkannte. Nach Klaus Grawe (2004) gibt es bei allen Menschen Grundbedürfnisse, diese sind: Orientierung/Kontrolle, Lustgewinn/Unlustvermeidung, Bindung und Selbstwerterhöhung/-schutz. Je höher dabei die Konsistenz ist, desto gesünder sei der Organismus. Gibt es hierbei aber einen Widerspruch zwischen den Grundbedürfnissen, so kann ein Schamerleben entstehen. 


Dies war auch phasenweise bei Herrn Wöhler zu beobachten, wenn er versuchte, die Kontrolle zu behalten, indem er versuchte, die gesetzten Ziele des HPG zu erreichen, aber sich auch gleichzeitig ausgebrannt fühlte. So half ihm der Rat eine Vater-Kind-Kur zu beantragen, was ihm als Vater wieder Optimismus und Kraft gab. 


Zum Abschluss des HPG eröffnete die Fachkraft, dass auch sie sich im Vorfeld der ersten Beratung mit den Mechanismen und dem Umgang mit Scham beschäftigt hatte. Für ihn hatte es auch dazugehört, dass er in einer internen Fortbildung im Kollegium das Erkennen eigener Scham und das Darüberreden erst mal selbst einüben musste. Für ihn war im Ergebnis klar, dass, wenn man eigene Scham bei sich selbst erkennen und dann auch artikulieren kann, man in der Lage ist, Scham auch bei anderen als solche einzuordnen zu können. 


8. Ein systemisch-konstruktivistischer Einwurf

Im Bereich der Philosophie entwickelte sich insbesondere im 20. Jahrhundert der sogenannte Konstruktivismus. Unabhängig von den verschiedenen Strömungen gehen die meisten Varianten des Konstruktivismus davon aus, dass ein erkannter Gegenstand vom Betrachtenden selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird und somit immer subjektiv ist (vgl. Grigat 2025, S. 74). Dies bedeutet, dass eine mögliche Kindeswohlgefährdung nur die subjektive Wahrnehmung einer Fachperson ist und somit nicht richtig sein muss. Vielmehr kann eine solche Einschätzung aus systemisch-konstruktivistischer Sicht als Hypothese verstanden werden.


Die Fachpersonen in Prozessen des Kinderschutzes sind als Teil des Kontextes zu sehen. Aus systemischer Sicht sollte Scham nicht als alleiniger Arbeitsauftrag und Thema der Arbeit mit den Adressatinnen und Adressaten gelten, sondern vielmehr ganzheitlich betrachtet werden. Die Fachpersonen und die dazugehörigen Institutio -nen spielen bei möglichen Kinderschutzfällen eine wichtige Rolle. Ihr eigener Umgang mit dem Thema Scham ist zu reflektieren. Auch wenn es nicht immer leichtfällt, so ist die Auseinandersetzung, wie man selbst mit Scham umgeht – egal, ob als Fachperson oder Institution – ein wichtiger Punkt, um einen guten pädagogischen Umgang mit Scham zu haben. 

Die Punkte im vorherigen Abschnitt sind dabei nur als eine Möglichkeit des Umgangs mit Scham zu verstehen. 


Dabei ist noch auf das Modell der Autopoiesis hinzuweisen, ein Konzept der Systemtheorie und des Radikalen Konstruktivismus (vgl. auch Maturana/Varela 1987), welches den Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems, beispielsweise einer Familie, beschreibt. Auch Luhmann (1984) kennzeichnet soziale Systeme als autopoietisch. Hiernach zieht man die Folgerung, dass lebende Systeme in ihrer Struktur und ihrer Selbststeuerung (vgl. Wilke 1987) unabhängig und oftmals nicht beeinflussbar seien (vgl. Grigat, a. a. O., S. 76). Das heißt für den Kinderschutz, dass Betroffene als autonom und als Expertinnen und Experten für sich und ihre Situation angesehen werden und nicht direkt beeinflusst werden können. Vielmehr kann es im Idealfall zu einem Austausch der jeweiligen Wahrnehmungen durch gelungene Kommunikation und gemeinsame Lösungssuche kommen. 


Die zunächst grundlegende Annahme, dass Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen, sollte auch im Kinderschutz gesetzt sein.


9. Fazit und Ausblick

Gernot Sonneck hat 1997 in einem Leitfaden für den Umgang mit Menschen in Krisen im Kapitel 2 (S. 28 ff.) beschrieben, dass jede(r) von uns Probleme hat und es Zeiten gibt, in denen diese überhandnehmen und zu Krisensituationen werden. Er betont dann aber vor allem, dass solche Krisen keine Katastrophe werden müssen.


»Vielmehr können sie Wendepunkt sein zu intensiver Wandlung und zu innerem Wachstum.« Er weist dann weiter darauf hin, dass es interessant ist, »[...], daß die Chinesen für das Wort ›Krise‹ zwei Schriftzeichen haben, von denen das obere ›Gefahr‹ bedeutet und das untere ›Chance‹. Dies lässt sich auch auf vorhandene Gefühle von Scham und Schuld übertragen. 

Scham- und Schuldgefühle sind komplexe Emotionen, die tief in der menschlichen Erfahrung verwurzelt sind. Während sie uns einerseits herausfordern, manchmal schmerzen und zur Gefahr werden können, bieten sie anderseits auch wertvolle Gelegenheiten für Wachstum, Lernen und zwischenmenschlichen Austausch sowie Verbindung. 


Sicherlich ist es richtig, dass Scham und Schuldgefühle persönlich sind und unterschiedliche Ursprünge und Formen annehmen können. Diese Gefühle können auch kulturell und sozial bedingt sein. Manchmal sind sie bewusst, häufiger jedoch unbewusst. Vor allem gibt niemand gern zu, dass er intensive Scham- und Schuldgefühle hat. Dies kann dazu führen, dass sowohl Adressatinnen und Adressaten unserer Arbeit als auch Fachkräfte diese Gefühle unterdrücken oder zumindest in den Hintergrund drängen. Umso wichtiger ist es unserer Meinung nach, zu lernen, mit diesen Gefühlen konstruk-tiv umzugehen.


Lernen, um fruchtbar mit Gefühlen wie Scham umzugehen, erfordert dabei Selbstreflexion, Selbstmitgefühl und die Bereitschaft, Verantwortung für unsere Handlungen und deren Konsequenzen zu übernehmen. Es bedeutet, auch Grenzen zu setzen und zu erkennen, wann diese Gefühle nicht mehr produktiv sind. Professionelle Hilfe kann notwendig sein, um einen gesunden Umgang mit diesen Emotionen zu entwickeln, insbesondere wenn sie übermäßig oder chronisch werden. Indem wir lernen, mit Scham oder Schuld konstruktiv umzugehen, können wir nicht nur unser eigenes Wohlbefinden verbessern, sondern auch zu einer gesünderen, empathischeren Gesellschaft beitragen. Dies gilt vor allem bei den Adressatinnen und Adressaten der Jugendhilfe, den Kindern, Jugendlichen und den Eltern, denen wir helfen können, ihren Selbstwert wieder zu stärken und Lösungen für sich zu finden.


Im obigen Beitrag haben wir versucht, zu verdeutlichen, dass die Thematik »Schuld und Scham« auch in Verfahren zur Abwendung einer möglichen Kindeswohlgefährdung eine große Rolle spielt. Auch im Bereich der Hilfen zur Erziehung sind vorgefundene Gefühle von Scham und Schuld oftmals noch Tabus, über die man lieber nicht spricht oder nach denen man nicht fragt, um die andere Person nicht in Verlegenheit zu bringen. In angespannten Situationen – wie bei diesem Thema – stellen sie dann oft ein ernstes Problem bei der Arbeit mit Eltern dar. 


Daher ist es auch hier wichtig, darüber zu sprechen, insbesondere bei sensiblen und weitreichenden Entscheidungen, die die Biografie von Kindern beeinflussen und auf viel Widerstand stoßen können. Über diese unangenehmen Gefühle zu sprechen, ist jedoch ein wichtiger Schritt, um in einer von juristischer und fachlicher Macht dominierten Beziehung Gleichheit zu erreichen. Nur in einer horizontalen Beziehung, in der Fachkräfte und Eltern beziehungsweise Betreuer:innen es wagen, ihre Verletzlichkeit zu zeigen, kann der Weg für die Akzeptanz der notwendigen Maßnahmen geebnet werden, um früher oder später eine Einigung über den Plan zur Wiederherstellung und zur gesunden Entwicklung des Kindes zu erzielen.


Für einen wirksamen Umgang mit Scham- und Schuldgefühlen ist unserer Ansicht nach auch eine zusätzliche Ausbildung erforderlich. Es ist wünschenswert, ein Verständnis für diese Gefühle zu erlangen, die als Barriere wirken und zu unerwünschter Eskalation und Machtdemonstration durch die Fachkraft führen können. Das Ziel der Ausbildung ist es, diese blockierenden Gefühle in eine Kraft zur Entwicklung zu verwandeln. Betrachten sie Scham als eine Chance zur Entwicklung. 


Dabei ist es auch wichtig, dass die Fachkräfte in einer Organisationskultur arbeiten, in der Scham und Schuld offen und ohne Konsequenzen diskutiert werden. Die Devise lautet, dass sich hinter Scham- und Schuldgefühlen der Wunsch verbirgt, sich zu verbessern und zu einer reifen Fachkraft heranzuwachsen.


Ein bewusster, professioneller Umgang mit den Adressatinnen und Adressaten unserer Arbeit, mit sich selbst als Person und Fachkraft und mit Fachkräften in Institutionen ist somit notwendig, sodass dann der Kinderschutz wirksam angegangen werden kann. 

Besonders gilt das für Scham. Scham behindert die Entwicklung einer empathischen Beziehung. Es ist oft beobachtbar, dass dies vermehrt zu Angst, Depression, geringem Selbstwertgefühl und niedrigem Status führen kann. 


Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung sind oft mehrere Akteurinnen und Akteure beteiligt: Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen, Richter:innen und andere Fachkräfte. In der Praxis ist es wichtig, zwischen persönlicher Schuld, den Folgen von Schuldzuweisungen, Scham und sozialer Verantwortung zu unterscheiden. Dies erfordert einen konsequenten Ansatz. 


Der systemische Ansatz mit seinen Grundannahmen, Haltungen und Gesprächstechniken sowie die Erkenntnis, dass Eltern in komplexen sozialen, wirtschaftlichen oder psychologischen Situationen gefangen sind, die ihr (Erziehungs-)Handeln stark beeinflussen, ist dabei oft hilfreich. 


Zu schnelle Schuldzuweisungen können dazu führen, dass Ursachen verborgen oder unangenehm bleiben. Beschämende Schuldzuweisungen haben eine lähmende Wirkung, die dazu führt, dass sich die Betroffenen in ihrer Scham zurückziehen, Probleme verheimlichen, keine Hilfe suchen oder annehmen. Schuldzuweisungen verhindern, dass Schuldgefühle als Motivation für Veränderungen interpretiert und so nicht in einem unterstützenden Kontext erlebt werden.


Fachkräfte im Sozial- und Bildungsbereich müssen daher ein Gleichgewicht zwischen der Übernahme von Verantwortung und der Wahrung einer empathischen – eher neutralen – Grundhaltung finden. Es ist wichtig, Schuldgefühle zu vermeiden und sich stattdessen auf Problemlösung und Unterstützung zu konzentrieren. Eine respektvolle Kommunikation kann Schamgefühle reduzieren und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit fördern. Die Regulierung zwischenmenschlicher Beziehungen, soziale Reflexion und Integration sind nicht zu unterschätzende Aufgaben, insbesondere nach einem Verlust von sozialer Integrität!


Diese abschließende Betrachtung sollte auch den Schwerpunkt »soziale Verantwortung« beinhalten. Soziale Strukturen, soziale Ungleichheit und unzureichende Unterstützungssysteme tragen zum Entstehen von Kindesmissbrauch bei. 


Der Fokus auf Präventionsmaßnahmen und Lernprogramme in der beruflichen Praxis ist noch relativ unterentwickelt. Sowohl im beruflichen als auch im persönlichen Umgang ist es daher wichtig, sich stets bewusst zu machen, dass mögliche Schuldgefühle und Scham menschliche Reaktionen sind, die jeder Mensch in jeder Situation neu abwägen muss. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Kindeswohlgefährdung, weil Schuld und Scham nicht nur bei betroffenen Eltern eng miteinander verwoben sind. 

Ein reflektierter Umgang mit diesen Gefühlen kann dazu beitragen, den Schwerpunkt von der Verarbeitung der Gefühle dann auch auf die Klärung des Weges aus der Krise zu verlagern. 


Dies betrifft auch Jugendhilfeorganisationen und deren Mitarbeiter:innen bei der Verantwortungsübernahme eigener Schuld- und Schamanteile in Verfahren von Kindeswohlgefährdung. 


Die Masken sollten daher fallen!


Literatur

Baer, U. / Frick-Baer, G. (2018): Vom Schämen und Beschämtwerden: 6. Aufl. Weinheim: Beltz


Berghaus, M. (2020): Erleben und Bewältigung von Verfahren zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung aus Sicht betroffener Eltern. Weinheim: Beltz Juventa


Filipp, S.-H. / Aymanns, P. (2010): Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen: vom Umgang mit den Schat-tenseiten des Lebens. Stuttgart: W. Kohlhammer


Grawe, K. (2004): Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe


Grigat, R. (2025): »Warum siehst du nicht, was ich sehe?« Wie wir uns über Lebenswelten und Lebenslagen austauschen können. In: Evangelische Jugendhilfe 2/2025, S. 74-81. Dähre: SchöneworthVerlag


Haase, J. (2021): Das Kind als Kronzeuge. Professionelle Konstruktionen des Kinderschutzkindes. (Koblenzer Schriften zur Pädagogik), Weinheim: Beltz Juventa


Izard, C. E. (1981): Die Emotionen des Menschen. Eine Einführung in die Grundlagen der Emotionspsycholo-gie. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Murakami. Weinheim/Basel: Beltz


Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp


Maturana, H. / Varela, F. (1987): Der Baum der Erkenntnis. München: ScherzSchlippe, A. von / Schweitzer, J. (2002): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. 8. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck


Slepian, M. L. / Kirby, J. N. / Kalokerinos, E. K. (2019): Shame, Guilt, and Secrets on the Mind. American Psy-chological Association, 1


Sonneck, G. (1997): Krisenintervention und Suizidverhütung. Ein Leitfaden für den Umgang mit Menschen in Krisen. 4. Aufl., Wien: Facultas


Wilke, H. (1987): Systemtheorie. 2. Auflage, Stuttgart/New York: Fischer


Wurmser, L. (1997): Die Maske der Scham. Zur Psychoanalyse von Schameffekten und Schamkonflikten. 3. Auflage, Berlin: Springer


Internet-Links

Dorsch Lexikon der Psychologie (2025): Scham


Nusselt, A. (2024): Wie beeinflussen Schuld und Scham unser soziales Verhalten und unsere Beziehungen? Abgerufen am 07.06.25: https://nusselt.de/schuld-und-scham


Ralf Grigat

Diplom-Pädagoge

Systemischer Familienberater

Ich schaff’s-Coach

Kinderschutzfachkraft

Friedrich-Ebert-Str. 35

48268 Greven

ralfgrigat@freenet.de


Mr. Drs. Jan Hesselink

(syst.) Sozialarbeiter

Pädagoge Sozialwissenschaftler

Supervisor, Jurist

freiberuflicher Referent/Trainer Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit

vormals Dozent an der Saxion FH Enschede (NL)

Almelosestraat 677631 CD Ootmarsum (NL)


Drs. Piet Overduin

McM, Pädagoge

Unternehmensberater

Referent/Trainer

Schoonoord 7

2215 EA Voorhout (NL)


 
 
 

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